Universitätsausbildung und politischen Kampf vereinbaren

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In der Regel wird ein Verhältnis zwischen Studium und revolutionärem politischen Kampf aufgebaut, worin sich diese beiden Elemente ausschließen. Einen Abschluss zu erzielen wird häufig zu einem Grund, sich von politischem Kampf zu entfernen; auf der anderen Seite entfernen sich politisch aktive Studenten mehr und mehr von ihren universitären Bemühungen. Leider endet für viele, die einen Abschluss erzielen, auch der politische Aktivismus. Das folgende erörternde Gespräch führen wir durch, weil wir denken, dass universitäre Ausbildung sich mit politischem Kampf zusammenführen lassen und auch zusammengeführt werden müssen.  

Minos ist Student in der deutschen Stadt Münster und ist aktiv im Odak Kulturzentrum.

ODAK: Mit welchen Zielen hast du deinen Studiengang gewählt?

Minos: Zuerst habe ich Volkswirtschaftslehre studiert, um Wirtschaft und Politik besser zu verstehen. Aber das war nicht das Richtige für mich: es ging mehr um Mathematik und Betriebswirtschaftslehre als darum, gesamtwirtschaftliche Zusammenhänge zu verstehen. Deshalb habe ich nach drei Semestern gewechselt zu Philosophie und Sozialwissenschaften. Im neuen Studium hatte ich viel mehr Wahlmöglichkeiten und konnte mir Seminare zusammensuchen, durch die ich wichtige Einsichten erlangen konnte wie z.B.: Was sind die Probleme bürgerlicher Demokratie? Was zeichnet die wissenschaftlich-materialistische Methode aus, die Marx und Engels begründet haben? Und ich konnte Allgemeinwissen gewinnen über die Geschichte der Philosophie, was mir hilft verschiedene Argumente und Theorien einzuordnen. Sehr nützlich war für mich auch, Einblicke in Gesellschaft und Politik verschiedener Regionen der Welt zu bekommen wie z.B. die Türkei, Indien oder Westafrika. Das hilft mir, die internationale Politik im Zeitalter des Imperialismus besser zu verstehen. 

ODAK: Wie nutzt du das, was du im Studium lernst für deine politische Arbeit, und wie nutzt du das, was du in der politischen Arbeit lernst, für dein Studium?

Minos: Ich versuche im Studium, die Seminare zu wählen, die mit wichtigen politischen Themen zu tun haben. Auch wenn ich Hausarbeiten schreiben muss, dann versuche ich noch spezieller Themen raus zu suchen, die für uns politisch besonders relevant sind. Natürlich kann ich aber nicht alles komplett nach meinem Wunsch wählen, weil es auch Pflichtveranstaltungen gibt – die manchmal echt langweilig und irrelevant sind.Wenn ich im Studium etwas lerne, habe ich die Informationen und Einsichten zumindest im Hinterkopf. Idealerweise kann ich das Wissen aber auch an meine Genossen weitergeben und bei politischen Analysen anwenden.Aber auch umgekehrt beeinflusst meine politische Arbeit mein Studium. Denn mit welchen Themen ich mich im Studium beschäftige, hat viel damit zu tun, mit welchen Themen ich in meiner politischen Arbeit in Kontakt gekommen bin. Außerdem lese ich neben dem Studium wahrscheinlich mehr als für das Studium selbst, denn ich möchte mich selbst weiterbilden, ohne auf Uni-Seminare angewiesen zu sein. Dadurch bekomme ich natürlich viele Anstöße, Themen auch im Studium aufzugreifen. 

ODAK: Wie vereinbarst du dein Studium mit der politischen Arbeit? Wie wirkt sich das auf dein Studium und auf deinen politischen Einsatz aus?

Minos: Eine Zeit lang habe ich Studium und politische Arbeit nicht wirklich vereinbart – ich habe nur politische Arbeit gemacht. Aber das holt mich jetzt ein und ich muss einiges nachholen. Es ist aber nicht zu belastend, denn die Studiengänge Philosophie und Sozialwissenschaften fordern nicht so übertrieben viel wie z.B. Volkswirtschaftslehre, Medizin oder Jura.Grundsätzlich habe ich im Studium nie zum Ziel gehabt, sehr gute Noten zu bekommen. Mir ging es mehr darum, in den interessanten Seminaren wirklich etwas zu lernen. Bei den uninteressanten Modulen habe ich immer versucht, mit möglichst wenig Aufwand durchzukommen. So hatte ich mehr Zeit für die politische Arbeit und dafür, mich selbst weiterzubilden.Leider sehe ich in meinem Umfeld, wie starke Genossinnen durch das Studium von politischer Arbeit abgehalten werden. Beides zusammen kann viel werden. Dabei kommt es natürlich stark darauf an, wie viel Arbeit der jeweilige Studiengang fordert. 

ODAK: Mit welchen Zielen wählen andere Studenten ihre Studiengänge?

Minos: In Deutschland wählen die meisten Menschen ihr Studium nach Jobaussichten. Deswegen sind Studiengänge wie Betriebswirtschaftslehre oder Lehramt so „beliebt“ – wirkliches Interesse steht nur manchmal dahinter. Aber so läuft es im Kapitalismus: Das Studium ist dazu da, um eine qualifizierte Arbeitskraft zu produzieren. Es geht nicht darum, die Welt besser zu verstehen oder den eigenen Interessen nachzugehen. Wir Sozialisten können dem andere Konzepte von Bildung entgegenstellen, bei denen es mehr um den Menschen geht.Ich habe auch ein Jahr an der Universität Kreta in Griechenland studiert. Dort hatte ich den Eindruck, dass mehr Menschen ihr Studium nach Interesse wählen. Ich erkläre es mir so, dass die jungen Menschen sowieso keine große Hoffnung auf eine Stelle nach dem Studium haben. Die Jugendarbeitslosigkeit ist mit 36% die höchste in der EU. Eine Freundin von mir hat ihr Pädagogik-Studium mit 9,5/10 abgeschlossen und war Jahrgangsbeste. Einen Job als Erzieherin hat sie nicht gefunden. Stattdessen musste sie in Hotels arbeiten und muss dieses Jahr darum kämpfen, überhaupt eine Stelle für paar Monate zu bekommen. Also kann man auch Philosophie studieren, wenn man am Ende sowieso kellnern muss. 

ODAK: Was empfiehlst du jungen Menschen dahingehend, wenn sie Studium und Kampf miteinander verbinden wollen?

Minos: Wir Menschen aus der Arbeiterklasse müssen Lohnarbeit finden – da fängt das Problem schon an. Und daran orientieren sich natürlich viele Menschen bei der Wahl ihres Studienganges. Ich z.B. wollte aber von Anfang an einen politischen Job ausüben nach meinem Studium. Erst war mein Plan, Journalist zu werden. Mittlerweile möchte ich bei der Gewerkschaft arbeiten und Menschen unterstützen, sich für besseren Lohn und bessere Arbeitsbedingungen zu organisieren. In der Türkei sind kritische Medien natürlich stark unter Druck bzw. verboten worden und die Gewerkschaften sind, soweit ich weiß, noch mehr pro Kapitalismus und Regierung als in Deutschland – aber ich kenne mich damit nicht genug aus.Eins muss ich aber sagen: viele junge Menschen aus unserer Klasse haben gar nicht die Freiheit zu studieren. Man braucht Geld dafür. Viele sind gezwungen, schon nach oder während der Schulzeit ihre Arbeit an Unternehmen zu verkaufen – und manche kriegen nicht mal einen Job. Dabei erzählen uns Medien und Politiker, es gäbe Chancengleichheit und freie Jobwahl. Wir sehen an diesem Widerspruch, dass der Liberalismus seine eigenen Versprechen nicht einlöst.Wir Sozialisten kämpfen dafür, dass diese Freiheit nicht nur auf dem Papier steht sondern auch Wirklichkeit wird. Sodass die Menschen nicht der Profitwirtschaft der Konzerne unterworfen sind, sondern dass die Wirtschaft für die Bedürfnisse der Menschen da ist und dass die Menschen gesellschaftlich unterstützt werden, sich frei zu entwickeln.

CEVAP VER

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